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aus unserem Vermittlungsalltag
von Iris Alberts
Sind Sie Masochist?
Vielleicht
überrascht Sie die Frage. Dass ich sie mir
gestellt habe, kam so:
Gestern rief mich eine
verzweifelte Frau an, die zur Zeit einen Pflege-Laborbeagle
beherbergt. Der junge Rüde kam aus Ungarn
und wurde von einer Tierschutz-Organisation nach
Deutschland vermittelt. Leider konnte er aufgrund
einer Allergie nicht in der Familie bleiben und
so kam er in diese Pflegestelle. Erfahrung mit
Hunden ist reichlich vorhanden, auch mit schwierigen
Hunden aus dem Tierschutz. Im Haushalt leben noch
zwei Hütehunde.
Als die Frau sich bereit
erklärte, den Beagle in Pflege zu nehmen,
wusste sie nichts über Beagle. Sie erwartete
einen mittelgroßen, freundlichen, möglicherweise
etwas schüchternen Hund und dann kam Lou,
der sie an den Rand des Wahnsinns treibt.
Lou geht gerne spazieren,
sogar ohne Leine. Er ist prima abrufbar und das
ist auch gut so, weil sein Verhalten an der Leine
sehr zu wünschen übrig lässt. Man
fragt sich, wer mit wem spazieren geht. Für
Menschen, die bisher mit großen, schweren
Hunden unterwegs waren, eine erstaunliche Erfahrung.
Ausreichend Bewegung im
Freien (2 bis 3 Stunden täglich) gefällt
Lou ganz gut, sorgt aber keineswegs dafür,
dass er sich Haus ruhig verhält. Er nervt
die Hunde der Familie mit seinem konstant hohen
Aktivitätsniveau und man kann ihn keine Sekunde
aus den Augen lassen, ohne dass er sich irgendwelchen
Blödsinn ausdenkt. Er kaut alles an und pinkelt,
wenn er muss, dorthin, wo er gerade ist. Draußen
vergisst er es oft. Er klaut Lebensmittel, wenn
er Zugang dazu hat und sortiert den Müll
um. Er schreddert Papier, wenn er es erwischt.
Er betätigt sich ungebeten als Küchenhilfe.
Und bei all seinen Streichen scheint er frech
zu grinsen. In den seltensten Fällen macht
er, was man von ihm möchte.
Ich höre mir geduldig
die Geschichte von Lou an. Es könnte auch
die von Lenny sein. Lenny ist auch ein junger
Rüde, der seit einem Jahr bei mir lebt. Auch
er ist anstrengend, sehr anstrengend. Die Pflegestellen-Frau
hatte in der Hoffnung auf brauchbare Tipps hier
angerufen und erfuhr nun von mir, dass Lous Verhalten
ziemlich normal ist, was sie zu der Frage führt,
ob alle Beaglehalter Masochisten sind.
Nach dem spontanen Impuls,
diese Frage empört zurückzuweisen, begann
ich, darüber nachzudenken. Bin ich Masochist?
Leide ich gerne? Warum mache ich mir die Geschichte
mit der Hundehaltung nicht einfach und adoptiere
einen Pudel oder einen Hütehund oder mehrere?
Warum müssen es unbedingt Beagle sein?
Was ist so toll daran,
mit Hunden durch den Wald zu laufen, die zu gefühlten
Doggen mutieren, wenn sie eine Wildspur haben
und mich hinter sich herziehen?
Brauche ich die mitleidigen
Blicke in der Hundeschule, nachdem mir in wenigen,
aber deutlichen Sätzen erklärt wurde,
dass das Unterfangen sinnlos ist, weil Beagle
unerziehbar sind?
Macht es mir wirklich Spaß,
in der Küche zu essen, weil ich keine Chance
mehr habe, den Tisch zu decken, wenn keine zweite
Person zum Bewachen der Speisen bereitsteht?
Ist es normal, alles, was
mir lieb ist, stets unter Verschluss zu halten?
Ist es wirklich kein Problem,
dass ich beim Lesen meiner Krimis nie wieder in
Erfahrung bringen werde, wer der Mörder ist,
weil Lenny die letztes Seiten der Bücher
schneller verschlingt als ich?
"Normale" Hunde
haben einen will to please - sie möchten
gefallen. Beagle haben einen ausgeprägten
will to tease.
Kurz bevor ich so weit
bin, Schlüsse aus meinen Überlegungen
zu ziehen, schleicht Lenny an und stubst mir seine
Nase unter den Ellenbogen, was zu interessanten
Hebelwirkungen auf die in meiner Hand befindliche
Kaffeetasse führt.
Es könnte alles
so einfach sein...
...ist es aber nicht...
Da ich zu den Wiederholungstätern
gehöre, bleibt mir nichts anderes übrig,
als zuzugeben, dass ich wohl irgendwie auch eine
masochistische Ader habe. Die Pflegestellen-Frau
freut sich. Sie hat aus ihrer Erfahrung gelernt
- immerhin etwas - und ist absolut sicher, dass
sie nie, nie wieder einen Beagle aufnehmen wird.
Das überlässt sie gerne den Masochisten
unter den Hundefreunden.
Bevor Sie also ernsthaft
in Erwägung ziehen, einem dieser bunten Hunde
einen Platz in Ihrer Familie zu geben, klären
Sie bitte die Frage "Bin ich Masochist?".
Lassen sie sich einen Moment Zeit mit der Antwort
und antworten Sie ehrlich!