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Amys Geschichte

von Kerstin Stotz

Amys erster Tag in Freiheit

Die Entscheidung, einem ehemaligen Laborbeagle ein gutes Leben zu ermöglichen kam bei mir ziemlich schnell, nachdem ich mich mit der Rasse Beagle auseinandergesetzt und erfahren hatte, dass vorwiegend Beagle in Versuchslaboren eingesetzt werden. Ich nahm Kontakt mit der Tierschutzorganisation auf und musste einige Fragen zu unserer Wohnsituation beantworten und konnte gleichzeitig auch eine Menge Fragen stellen. Schon wenige Wochen später war klar, dass Laborbeagle in Hannover freikommen würden. Ich konnte angeben, dass ich eine junge Hündin haben möchte, möglichst tricolor. Ich war sehr gespannt und konnte kaum noch schlafen, erkundigte mich weiterhin im Internet ausführlich über Laborbeagle und ihre ersten Tage in Freiheit. Hundezubehör wie Körbchen, Fressnäpfe, Leine und Futter wurde besorgt und die Vorfreude stieg!

Am 28. Oktober 2005 war es dann soweit: wir konnten Amy um die Mittagszeit in Springe abholen! Mit ihr zusammen kam noch ein Laborbeagle frei. Amy war von Anfang an extrem verschüchtert und wollte die Hundebox gar nicht verlassen. Der andere Beagle, ein Rüde, sprang sofort aus der Box und erkundete die Umgebung neugierig. Amy zog den Schwanz ein und hatte Angst vor den vielen neuen Eindrücken und Menschen. Wir hatten etwas Schwierigkeiten sie einzufangen, um ihr das Geschirr anlegen zu können. Aber zu dritt bekamen wir es irgendwann hin. Die Papierangelegenheiten hatten wir schon vorher geregelt, so nahm ich Amy dann auf den Arm und wir gingen zum Auto. Ich setzte mich zu ihr auf den Rücksitz, wo ich sie anschnallte am Geschirr, um notfalls da zu sein, falls sie sich übergeben würde o. ä.
Die Autofahrt fand sie interessant, schaute aus dem Fenster und sog die Natur in sich auf.

Zu Hause angekommen trug ich sie die Stufen bis zu unserer Wohnung im 1. OG hinauf und setzte sie im Wohnzimmer ab, wo auch ihr Körbchen an der Heizung stand. Sie blieb dort stehen – und das für den ganzen Nachmittag! Sie war völlig müde und zerschlagen, traute jedoch nicht sich hinzulegen. Am späten Nachmittag habe ich sie in den Garten getragen und auf dem Rasen abgesetzt. Sie blieb sitzen und wusste nicht, was sie dort soll. Wir blieben circa 20 Minuten draußen, ohne dass sie sich vom Fleck rührte. Ich trug sie wieder rauf und setzte sie im Wohnzimmer ab – wieder das gleiche Spiel. Sie blieb stehen für Stunden und traute nicht sich hinzusetzen oder zu legen. Ich konnte mir das ehrlich gesagt dann irgendwann nicht mehr mit ansehen. Ich habe sie hochgenommen und ins Körbchen gesetzt und siehe da: etwa 15 Minuten später legte sie sich hin!
Am Abend habe ich sie noch einmal in den Garten getragen, aber sie blieb wieder einfach nur sitzen.

Ihre Näpfe rührte sie nicht an, die ich ins Wohnzimmer gestellt hatte.

Die erste Nacht verlief ruhig, ich konnte zwar überhaupt nicht schlafen und hörte sie 1-2mal im Wohnzimmer herumtapsen, aber sie jammerte nicht. Sie hatte in der Nacht einen kleinen See im Wohnzimmer fabriziert, worüber ich mich aber ehrlich gesagt freute, da sie sich den ganzen Tag ja nicht gelöst hatte.

Der zweite Tag verlief im Prinzip wie der erste: ich versuchte Amy zum saufen zu bewegen, versuchte sie durch Leckerchen mal ein Stück aus dem Körbchen zu bewegen (was nicht klappte), trug sie die Stufen runter in den Garten und wieder rauf. Auch an dem Tag löste sie sich nicht im Garten und blieb steif auf der Stelle sitzen, an der ich sie abgesetzt hatte.

Am Nachmittag habe ich dann ein paar Tropfen Milch in den Wassernapf getan und Amys Lefzen damit eingerieben, nach ein paar Minuten fing sie glücklicherweise an endlich aus dem Napf zu saufen. Dadurch „beflügelt“ füllte ich auch ihren Fressnapf – ich ging aus dem Wohnzimmer raus und kurze Zeit später hörte ich, wie sie den Napf leerte. Noch ein kleines Erfolgserlebnis!

So vergingen im Prinzip die ersten Tage mit Amy. In unserer Gegenwart verließ sie ihr Körbchen nicht, trank und fraß nicht. Sie ließ sich nicht aus dem Körbchen bewegen, so mussten wir sie weiterhin die Stufen runter und wieder rauf tragen. Immerhin ging Amy im Garten schon ein paar zaghafte Schritte und löste sich auch das eine oder andere Mal, wofür sie immer gelobt wurde. Nachts machte sie weiterhin ins Wohnzimmer.

Nach einigen Tagen bekamen wir dann Besuch von einer Bekannten, die ebenfalls einen Laborbeagle aufgenommen hatte. Amy konnte mit dem anderen Beagle überhaupt nichts anfangen und ließ sich auch dadurch nicht aus dem Körbchen bewegen. Im Garten tobte der andere Beagle hin und her, aber Amy war total verschüchtert und hielt Abstand.

Dennoch muss dieser Besuch etwas bei Amy bewirkt haben! Am Abend bin ich mit ihr raus in den Garten und plötzlich lief sie neugierig herum! Da wir auf dem Lande wohnen und nicht viel los auf den Straßen ist, habe ich es einfach gewagt: wir sind durch den Ort gelaufen – ganze 15 Minuten lang! Ich war total begeistert und freute mich über diesen Fortschritt! Die nächsten 1-2 Wochen sind wir immer den gleichen Weg gegangen, um Amy daran zu gewöhnen. Dann trauten wir uns auch an andere Wege und in den Wald, aufs Feld – Amy fand es herrlich!

Etwas problematisch war es ihr das Treppen steigen beizubringen. Das forderte noch einmal sehr viel Geduld von uns und ganz viele Leckerlis. Aber irgendwann klappte auch das.

Ein paar Monate nach Amys Einzug sind wir umgezogen, was natürlich wieder Stress für Amy bedeutete. Wir machten das so, dass Amy beim aus- und einräumen immer im Auto gewartet hat, denn im Auto fühlte und fühlt sie sich sehr sicher. Die neue Wohnung hat sie auch so oft es geht erschnuppern können und dabei viele Leckerlis dort vorgefunden!

Kurze Zeit nach dem Umzug erlebten wir einen gewaltigen Rückschritt mit Amy! Es waren im Prinzip keine Spaziergänge durch den Ort mehr möglich. Amy machte den Eindruck, als würde sie sich verfolgt fühlen. Sie blieb ständig stehen und drehte sich ängstlich um. Sie erschreckte sich vor den kleinsten Kleinigkeiten. Sie hatte plötzlich Angst vor Dingen, die sie bereits kannte und vor denen sie nie Angst gehabt hatte. Das Ganze spitzte sich immer mehr zu und uns wurde klar, dass wir nun Hilfe brauchen würden, da wir es allein nicht mehr schafften sie aus diesem Teufelskreis zu befreien.

Wir sind mit Amy zu einer Tierpsychologin/Tierverhaltenstherapeutin gegangen und haben dort ein paar Stunden verbracht. Sie hat uns gezeigt, wie wir die Bindung zu Amy intensivieren können und wie wir uns in ihren Angstmomenten richtig verhalten. Zusätzlich haben wir mit dem Clickern angefangen, worauf Amy sehr gut angesprochen hat. Dies alles zeigte nach einer relativ kurzen Zeit Erfolg! Es gab eine Drehung um 180 Grad und aus Amy wurde ein interessierter Beagle. Plötzlich hatte sie wieder Freude an den Spaziergängen. Obwohl, nach wie vor gehört das Gassi gehen im Ort nicht unbedingt zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, da sie eine extreme Angst vor Kindern hat! Wenn diese dann auch noch Ball spielen, dann ist es bei ihr ganz vorbei.

Aus Amy ist ein liebenswerter Beagle geworden. Sie ist verfressen, wie es sich für einen richtigen Beagle gehört. Sie hat einen tollen Charakter und wird nie böse. Wir versuchen so oft wie möglich uns mit anderen Beaglebesitzern zu treffen, damit Amy den Kontakt bekommt. Ich merke dabei jedoch immer wieder, dass sie an den anderen Beaglen gar nicht so sehr interessiert ist, wie an den Menschen. Wenn sie erst einmal ein wenig Vertrauen in einen Menschen gefasst hat (was manchmal schneller und manchmal langsamer geht), dann ist sie von diesem total fasziniert und ist auf diesen fixiert – was sicherlich auch u. a. durch die Leckerlis begründet ist, die diese meistens dabei haben!

Mein Verlobter sagt häufig, dass Amy vor allen Dingen an mir hängt. Darüber freue ich mich natürlich besonders, denn es war ein harter Weg, um ihr Vertrauen zu erlangen. Wenn ich heute z.B. das Wohnzimmer verlasse, um ins Arbeitszimmer zu gehen, dann dauert es nicht lange, bis Amy mir folgt.

Es gab viele Rückschritte mit Amy und es war sicherlich nicht immer leicht, aber um nichts in der Welt würde ich etwas ändern wollen. Amy hat mein Herz im Sturm erobert und ich bin überglücklich, dass ich einem Beagle, der nichts von dieser Welt kannte bis auf den Käfig, zeigen konnte wie schön das Leben sein kann. Und sie genießt es heute in vollen Zügen!

Wenn es nur nach mir ginge, dann würde ich mir einen zweiten Laborbeagle holen. Leider ist mein Verlobter bisher dagegen, aber ich habe die Hoffnung, dass das irgendwann nicht mehr so sein wird!

 
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